Die Via Dolorosa

09.05.2018, 4. Tag

Davidson Center

Nach dem Frühstück besteigen wir gegen 8 Uhr den Bus. Durch volle Straßen geht es zum Davidson Center. Ein netter Mitarbeiter des Centers gibt uns mittels einer 3-D-Show eine erste Einführung. Realistisch werden uns die Bauwerke der Tempelanlage aus zwei Jahrtausenden Jerusalemer Geschichte nähergebracht. Wir fliegen durch Tempel, Dorf und Grünanlagen. Das nachfolgende YouTube-Video zeigt eine virtuelle Rekonstruktion der Bautätigkeiten aus der Zeit von Herodes.

Video Tempelrekonstruktion

 

Klagemauer
Felsendom
Felsendom

Anschließend folgen wir den Spuren der Pilger und bestaunen die Überreste aus verschiedenen Epochen. Einst führte eine breite Straße zum Tempelberg. Der Tempel selbst hatte verschiedene Eingänge für die Pilger, „Touristen“ und Gelehrte wie Rabbi Yohanan Ben Zakkai und Rabbi Akiva.

Dorit führt uns weiter durch Sicherheitskontrollen vorbei an der Al Aqsa Moschee zum Felsendom.  Nach jüdischer Tradition soll auf dem Felsen in seinem Inneren die Welt gegründet worden sein. An dieser Stelle soll sich der Altar befunden haben, auf dem Isaak seinen Sohn Abraham opfern wollte. Wir betrachten uns das Wahrzeichen Jerusalems mit seiner goldenen Kuppel von allen Seiten. Plötzlich wird es unruhig und Wächter vertreiben uns vom Platz hin zu den Ausgängen. Die Gruppe wird auseinandergerissen. Nach einer Weile finden wir wieder zusammen.

Via Dolorosa

Ich stapfe durch die stufigen Gassen Jerusalems zur Via Dolorosa, dem Schmerzensweg Jesus. Er windet sich durch die enge Altstadt vom Ecce-Homo-Kloster zur Grabeskirche. Jesus trug auf diesem Weg sein Kreuz vom Gerichtsgebäude des Pilatus zum Kalvarienberg, damals Golgatha genannt. Dort wurde er gekreuzigt. Insgesamt befinden sich auf diesem Weg 14 Kreuzwegstationen. An jeder Station kam es zu  einem heiligen Geschehen. Es gibt auf diesem Weg Kapellen, Klöster, Basiliken zum Beten und zur Verehrung, zum Reflektieren und Meditieren. Dorit arbeitet sich mit uns durch die Stationen.

Station 1 – Die Omarija Schule: Jesus wird zum Tode verurteilt „Von Kaiphas brachten sie Jesus zum Praetorium.“ (Joh 18,28)

Station 2 – Kapellen der Verurteilung und Geißelung: „Darauf ließ Pilatus ihn geißeln.“ (Jo. 19,1) „Da lieferte er ihnen Jesus aus, damit er gekreuzigt würde.“ (Jo. 19,16) „Dann legten sie ihm einen Purpurmantel um und flochten eine Dornenkrone. Die setzten sie ihm auf.“ (Mk 15,17)

Station 3 – Polnische Kapelle an der Ecke der El-Wad-Strasse: Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz. „Fern sind alle Tröster mich zu erquicken.“(Klagelieder 1,16)

Station 4 – Armenisch-katholische Kapelle: Jesus begegnet seiner Mutter. „Ihr alle, die ihr des Weges zieht, schaut doch und seht, ob ein Schmerz ist wie mein Schmerz, den man mir angetan.“ (Klagelieder 1,12)

Nach der vierten Station ist Mittagspause. Die Gruppe zieht es in ein Restaurant. Einige wenige ziehen das Österreichische Hospiz vor. Dort kann man im Garten Apfelstrudel mit leckerem österreichischen Kaffee oder andere herzhafte Kleinigkeiten genießen. Eine dreiviertel Stunde später kommen wir wieder vor dem Restaurant zusammen. Während wir auf die Letzten warten, verscheucht uns der Händler vor seiner Auslage. Wir fahren mit den Stationen Via Dolorosa fort.

Station 5 – Oratorium der Franziskaner: Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz zu tragen. „Ein Mann der gerade vom Felde kam, Simon von Cyrene, den Vater des Alexander und Rufus, zwangen sie, sein Kreuz zu tragen.“ (Mk 15,21)

Station 6 – Altar mit Leuchter in der Kapelle der kleinen Schwestern: Das Schweißtuch der Veronika. „Der Herr lasse sein Angesicht über Dich leuchten.“ (Num 6,25)

Station 7 – Große römische Säule in einer Kapelle der Franziskaner: Jesus fällt zum zweiten Mal. „In seiner Liebe und seinem Mitleid hat er selbst sie erlöst.“ (Jes 63,9)

Station 8 – Lateinisches Kreuz eingraviert auf der Mauer des griechischen Klosters: Jesus tröstet die weinenden Frauen von Jerusalem. „Jesus wandte sich zu ihnen und sagte: ‚Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich, sondern über euch und eure Kinder.‘“ (Luk 23,28)

Station 9 – Auf dem letzten Stück zur Grabeskirche: Jesus fällt zum dritten Mal. „Ich bin gekommen, mein Gott, um deinen Willen zu tun.“ (Ps 40,8)

Unfall

Ein Traktor kommt die Straße herauf geprescht. Ein Händler weicht mit seinem Karren aus. Eine Teilnehmerin von uns hat eine klaffende Wunde an der Wade. Die Gruppe ist bestürzt. Von dem Händler ist keine Spur. Die Teilnehmerin ist schockiert. Dorit begleitet sie zu einem Stuhl vor der Erlöserkirche. Sie verständigt die Polizei, die die Ambulanz ruft. Der Schnitt ist so tief, dass er genäht werden muss. Wir warten einige Zeit. Auf dem Gehweg bildet sich eine Blutlache. Die Ambulanz trifft endlich ein und die Teilnehmerin wird abtransportiert. Beim Abendessen treffen wir sie glücklicherweise wieder.

Grabeskirche
Grabeskirche
Grabeskirche
Grabeskirche

Station 10 – Stufen führen in die „Kapelle der Entblößung Jesu“: Jesus wird seiner Kleider beraubt. „Von Kopf bis zum Fuß, kein heiler Fleck, nur Beulen, Striemen und frische Wunden.“ (Jes 1,6)

Station 11 – Standort des Kreuzes in der Grabeskirche: Jesus wird ans Kreuz geschlagen. „Sie haben meine Hände und Füße durchbohrt. Sie haben alle meine Knochen gezählt.“ (Ps 22,17) „Er ging hinaus zur sogenannten Schädelstätte, auf Hebräisch: Golgatha.“ (Jo. 19,17)

Station 12 – Griechischer Altar im östlichen Stil über dem Kalvarienfelsen: Jesus stirbt am Kreuz. „Jesus schrie laut: „Eli, Eli, lama sabaktani.“ Das heißt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Mt 27,46) Jesus aber schrie noch einmal laut auf. Dann gab er den Geist auf.“ (Mt 27,50)

Station 13 – Stein der Salbung: Jesus wird vom Kreuz abgenommen. „Joseph von Arimathea, Mitglied des hohen Rates und ein Jünger Jesu ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu, Und er nahm ihn vom Kreuze.“ (Lu. 23,53)

Station 14 – Kapelle in der Grabeskirche: Jesus wird ins Grab gelegt. „Joseph nahm ihn und hüllte ihn in ein reines Leintuch. Dann legte er ihn in ein neues Grab, das er für sich selbst in einen Felsen hatte bauen lassen. Er wälzte einen großen Stein in den Eingang des Grabes.“ (M. 27,59-60)

„Und der Engel sagte zu den Frauen: Er ist auferstanden. Er ist nicht hier.“ (Mk 16,6)

 

Deutsch Evangelisches Institut
Deutsch Evangelisches Institut
Deutsch Evangelisches Institut
Brand

Wir verlassen den heiligen Ort. Mit dem Bus fahren wir zum Deutschen Evangelischen Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes (DEI). Das Institut ist eine Stiftung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Es wurde 1900 in Eisenach mit dem Ziel gegründet, die Geschichte und Religionsgeschichte des Heiligen Landes zu erforschen. Es werden archäologische Projekte durchgeführt, die theologische Aus- und Weiterbildung unterstützt sowie einem breiten Publikum archäologische Erkenntnisse vermittelt. Zurzeit arbeitet das Institut in der Region um Gadara (Jordanien). Ein Siedlungshügel gibt Erkenntnisse in die Geschichte von der Bronzezeit bis zum Mittelalter.

Anhand eines Modells erklärt man uns anschaulich die Geschichte Jerusalems. Wir bekommen eine kleine Führung durch die im Keller befindliche Ausstellung. Angefangen von den Ausstattungsgegenständen des Gründers Conrad Schick über Funde wie Henkel, Scherben, Schalen und Krüge hin zu Münzen und anderen Gegenständen aus über fünf Millionen Jahren von der Bronzezeit bis zur Islamischen Periode. Beeindruckend sind auch Sammlungen wie Pflanzen und Amulette. Das Institut bietet jedes Jahr einen Kurs mit unterschiedlichen Themen an. Theologen, Archäologen, Historiker und Journalisten entdecken von einem Experten angeleitet den Mittleren Osten. Dies könnte in einer Kooperation auch eine interessante Studienreise für unser Institut sein.

Wir genießen noch den schönen Garten des Instituts mit seinem Ausblick über die Stadt während sich in der Nähe ein Feuer breitmacht. Es wird von der Feuerwehr gelöscht.

Abfahrt in das Hotel. Nach dem Abendessen sitzen wir noch etwas zusammen und reflektieren den Tag. Welch wertvolle Eindrücke wir erleben durften!